Von der Puzzlearbeit, die eigene Familiengeschichte zu deuten…

Dieser Tage fand ich auf einem Speicherstick ein Handyfoto wieder, das ich vor Jahren bei einer Durchsicht der historischen Kirchenbücher von Booßen aufnahm. Es zeigt den Eintrag einer Hochzeit in der Booßener Kirche im Jahre 1768.

Hochzeitseintrag im Kirchenbuch Booßen von 1768.

Der Bräutigam ist mein „Obervater“, also genealogisch mein direkter Vorfahre sieben Generationen vor mir. Dieser Kirchenbucheintrag ist damit die älteste mir bekannte Urkunde meiner Vorfahren in direkter Abstammungslinie. Zwar taucht der Name Sarrach auch in älteren Einträgen der Booßener Kirchenbücher auf (Kirchenältester und Vierhüfnerbauer Martin Sarrach, gestorben 1739), aber die direkte Abstammung konnte ich bislang nicht beweisen. Die Informationen über die Hochzeit 1768 sind bemerkenswert, aber verlangen nach Deutungsversuchen, die eine verworrene Beziehungssituation erklären können.

Der Wortlaut des Eintrags lautet:

„Der Junggeselle George Sarrach, sel(igen) George Sarrachs, Bauer in Wuden, mittelster Sohn, Martin Paulisch, Bauer in Wuden, Pflegesohn, angehender Bauer allhier, ist den 15. Juni in der Kirche copuliret worden mit der Witwe Frau Anna Sarrachen, sel(igen) George Hennings, gewesener Bauer allhier, hinterlassene Witwe.“

Die Ortsbezeichnung „Wuden“ meint das Dorf Wuhden bei Podelzig. In der „Deichrolle 1717“ ist ein Martin Paulisch aus Podelzig aufgeführt, so dass Wuhden als Ort bestätigt ist. 1945 sind in den Kämpfen um die Seelower Höhen die Kirchenbücher von Podelzig verbrannt. Die Recherchemöglichkeiten sind sehr spärlich. Allerdings finden sich im Brandenburgischen Landeshauptarchiv noch Steuerakten aus Podelzig und Wuhden, anhand derer sich Bauernstellen und ihre Inhaber ermitteln lassen. Ein George (Gürgen) Sarrach (mein Obergroßvater, acht Generationen) hatte hier zwischen 1737 bis 1755 eine Bauernstelle inne.

Ab jetzt beginnen meine Vermutungen zu einer spannenden Familiengeschichte. Dieser George Sarrach, der offensichtlich 1755 in Wuhden früh verstarb, könnte ein Sohn des Booßener Kirchenältesten Martin Sarrach gegebenenfalls aus zweiter Ehe gewesen sein. Zumindest war für ihn in Booßen in Bezug auf ein Hoferbe kein Platz und er wurde vielleicht deshalb nach Wuhden verheiratet. Vieles spricht dafür, dass er eine Tochter des dortigen Bauern Martin Paulisch heiratete und dann dessen Bauernstelle einnahm. Schließlich wurde Martin Paulisch offensichtlich in Ermangelung anderer naher Verwandte in Wuhden 1755 der Pflegevater für die Kinder des George Sarrach, also für meinen Obervater George und seine zwei Brüder (ein älterer und ein jüngerer Bruder. Der ältere Bruder Martin Sarrach übernahm ausweislich der Steuerakten später ebenfalls einen Hof in Wuhden als Bauer und war dort Gerichtsmann. Der Vorname Martin könnte auf den Großvater Martin Sarrach oder Martin Paulisch hinweisen. Noch immer sind in der Gegend von Podelzig übrigens Sarrachs ansässig.

Für den mittelsten Sohn George gab es in Wuhden sicherlich keine auskömmliche Perspektive. Der Familienrat in Booßen könnte deshalb entschieden haben, dass er auf den Stammsitz der Familie nach Booßen zurückkehren soll.

Doch zurück zur Hochzeit von 1768 und dem Grund, dass mein Vorfahre von Wuhden nach Booßen zog. Seine vermutliche Cousine Anna Henning, geborene Sarrach, wurde kurz zuvor Witwe. Sie war die Frau des 1767 verstorbenen Vierhüfnerbauerns George Henning. Da nun dessen Bauernstelle unbesetzt war und Frauen keinerlei Rechte auf den Bauernhof besaßen, wurden Anna und George am 15. Juni 1768 in Booßen verheiratet. So wurde mein Obervater George „angehender Bauer allhier“, also in Booßen auf dem Land des George Henning. Auch hier scheint Heiratspolitik bereits Machtpolitik um Grund und Boden in einem Dorf gewesen zu sein.

Der „Ausflug“ der Familie nach Wuhden war nun bei meinen direkten Vorfahren beendet und bis zu meinem Großvater Paul sind alle Sarrachs wieder in Booßen geboren worden. George Sarrach verlor seine Frau Anna übrigens bereits am 6. Juli 1769 bei der Geburt ihres Kindes Anna Dorothea. Anna Sarrach wurde nur 40 Jahre, acht Monate und 6 Tage alt. Auch das Kind starb mit nur neun Monaten.

1770 heiratete der Witwer George Sarrach Louise Hildebrandt in Niederjesar. Mit ihr hatte er in George Sarrach 1771 das erste gemeinsame Kind und den einzigen Sohn. Dieser George Sarrach (1771-1846) wurde später von 1811 bis 1829 der Gerichtsschulze in Booßen. Mein Obervater George starb 1823 im Alter von etwa 80 Jahren in Booßen.

Den Stammbaum zu 300 Jahren Familiengeschichte findet man unter diesem Link:

Stammbaum der Familie Sarrach aus Booßen